Wenn Inklusion in der Schule Wirklichkeit wird

In einem inklusiven Schulsystem lernen Schülerinnen und Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, profitieren alle davon. 

Eine Entdeckungsreise in Bild und Text.

Ein grosses Dankeschön an alle Unterstützer*innen, die unseren Kurzfilm «Gemeinsam in die Schule» möglich gemacht haben, insbesondere an die Thomas & Doris Ammann Stiftung, insieme Valais Romand, Hermann und Maxi Arnold, die Familie Grimaldi sowie die Candio Architekten AG.

9 Minuten, die den Blick auf Inklusion verändern

Nadji wohnt mit seiner Familie im Genfer Quartier Les Pâquis. Er kennt alle Nachbarn, liebt es, mit seinem Kumpel Fussball zu spielen und träumt davon, Koch zu werden. Der 9-Jährige lebt mit Trisomie 21 und besucht die öffentliche Schule in Genf. Dank individueller Begleitung kann er in seinem eigenen Tempo lernen. 

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Die Hauptdarsteller*innen im Film

La famille Matthey et leur fils Nadji sera filmŽe dans le cadre d'un documentaire pour insieme.

Nadji Matthey

Schüler (Klasse 5P)

La famille Matthey et leur fils Nadji sera filmŽe dans le cadre d'un documentaire pour insieme.

Joane Matthey

Muttter von Nadji

La famille Matthey et leur fils Nadji sera filmŽe dans le cadre d'un documentaire pour insieme.

Niya Ezoba

Vater von Nadji

Die Fachpersonen

Eintauchen in Bildern: Einblick in das Leben von Nadji

 

Der Wecker klingelt! Es ist Zeit, aufzustehen… Lernen, Herumtollen mit Freunden, Hausaufgaben und Familienzeit: Nadji’s Tage sind abwechslungsreich und voller Leben!

Mehrere Tage hat unser Filmteam Nadji begleitet: Im Klassenzimmer, zu Hause und auf den Strassen in seinem Quartier. Schritt für Schritt gewöhnte sich der 9-Jährige an die Kamera. Entstanden sind persönliche und authentische Einblicke in den Alltag eines aufgeweckten Jungen. Ein Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten.

Koch, Eisverkäufer, Fussballer… Was möchte Nadji später einmal von Beruf werden?

Inklusion in der Schule: Haben Sie positive Erfahrungen gemacht? Teilen Sie diese mit uns!

Familien, die schulische Inklusion leben

Inklusive Schule: Fragen und Antworten

  • Was bedeutet «inklusive Schule»? 

    Eine inklusive Schule ermöglicht es Kindern mit und ohne Behinderung, gemeinsam in der Schule ihres Quartiers oder Dorfes zu lernen und zusammen aufzuwachsen. Sie verbringen gemeinsam Zeit – im Unterricht, in den Pausen und bei Schulausflügen. Dabei erhalten alle Kinder die Unterstützung, die sie für ihre Entwicklung benötigen. Der Unterricht und die Förderung werden an ihre individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten angepasst. Für einige Kinder mit sehr hohem Unterstützungs- oder Pflegebedarf sind spezialisierte Bildungsangebote weiterhin wichtig. Grundsätzlich soll jedoch möglichst vielen Kindern der Besuch der öffentlichen Schule ermöglicht werden.

  • Funktioniert ein inklusives Schulsystem tatsächlich?

    Ja. Wie die Geschichte von Nadji zeigt und wie zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, kann ein inklusives Schulsystem erfolgreich umgesetzt werden. Kinder mit und ohne Behinderung profitieren davon sowohl schulisch als auch sozial. Zwischen Kantonen, Gemeinden und einzelnen Schulen gibt es bei der Umsetzung teilweise aber grosse Unterschiede. Familien machen deshalb unterschiedliche Erfahrungen. Ob Inklusion gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ganz wesentlich für das Gelingen sind ausreichend Ressourcen, eine gute Zusammenarbeit und die Motivation aller Beteiligten sowie geeignete Unterstützungsangebote. Ein inklusives Schulsystem bringt Herausforderungen mit sich. Die Praxis zeigt aber, dass es funktioniert. Ein Beispiel dafür ist der Kanton Tessin, der die schulische Inklusion seit vielen Jahren konsequent umsetzt. Die Erfahrungen dort machen deutlich, dass gemeinsames Lernen möglich ist und hohe Bildungsqualität und Inklusion kein Widerspruch sind. Alle Kinder haben das Recht, gemeinsam zu lernen und am Schulalltag teilzuhaben. Dieses Recht ist in der UNO-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), welche die Schweiz ratifiziert hat, verankert und bildet die Grundlage einer inklusiven Schule.

     

  • Wie steht das Lehrpersonal zur Inklusion? 

    Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und die Gewerkschaft der Lehrerinnen und Lehrer der Romandie (SER) unterstützen den Grundsatz der schulischen Inklusion seit mehreren Jahren. Gleichzeitig betonen sie, dass dafür ausreichende personelle, räumliche und finanzielle Ressourcen notwendig sind. Auch wenn in den Medien häufig kritische Stimmen zu hören sind, richtet sich die Kritik der Lehrpersonen meist nicht gegen die Inklusion als solche. Vielmehr weisen sie auf die oft unzureichenden Rahmenbedingungen hin. Besonders der Mangel an Ressourcen, Fachpersonal und geeigneten Räumlichkeiten belastet den Schulalltag. Dies zeigt auch eine 2026 vom LCH durchgeführte Umfrage unter mehr als 10’000 Lehrpersonen der Deutschschweiz.

  • Bringt Inklusion den anderen Schülerinnen und Schülern Nachteile? 

    Nein. Die bisherige Forschung zeigt keine negativen Auswirkungen der Inklusion auf die Lernleistungen oder die sozialen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern ohne Behinderung. Im Gegenteil: Das gemeinsame Lernen kann das gegenseitige Verständnis, die Empathie und den respektvollen Umgang mit Vielfalt fördern. Auch die Befürchtung, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler würden durch inklusive Klassen ausgebremst, wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht bestätigt. Sie machen ebenso Fortschritte wie Kinder in nicht inklusiven Klassen. Der Kanton Tessin zeigt, dass Inklusion und schulischer Erfolg vereinbar sind. Dort wird seit vielen Jahren auf ein weitgehend inklusives Schulsystem gesetzt. Gleichzeitig liegen die PISA-Ergebnisse des Kantons regelmässig über dem Schweizer Durchschnitt.  

  • Braucht es nur mehr Mittel, damit schulische Inklusion funktioniert? 

    Nein. Ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen sind eine wichtige Voraussetzung für gelingende Inklusion, aber sie allein reichen nicht aus. Ebenso entscheidend sind das Engagement aller Beteiligten, eine gute Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Fachpersonen und Eltern sowie eine gemeinsame Überzeugung, dass Inklusion möglich und wertvoll ist. Zudem weisen Lehrpersonen darauf hin, dass auch die Aus- und Weiterbildung eine wichtige Rolle spielt. Laut der LCH-Umfrage 2026 besteht insbesondere Bedarf an mehr Ressourcen für die integrative Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals. Damit schulische Inklusion erfolgreich umgesetzt werden kann, braucht es daher ein Zusammenspiel aus ausreichenden Ressourcen, qualifizierten Fachpersonen, guter Zusammenarbeit und einer inklusiven Haltung.

  • Wer profitiert von der inklusiven Schule? 

    Alle. Kinder mit Behinderungen profitieren von einem schulischen Umfeld, in dem sie gemeinsam mit anderen Kindern lernen, Freundschaften knüpfen und selbstverständlich zur Gemeinschaft gehören. Gleichzeitig entwickeln ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wichtige soziale Kompetenzen und lernen, Vielfalt als Bereicherung zu erleben. Auch die gesamte Klasse profitiert von inklusivem Unterricht. Hilfsmittel, individuelle Anpassungen und differenzierte Lernangebote, die ursprünglich für einzelne Kinder eingeführt werden, kommen oft allen Schülerinnen und Schülern zugute. Zudem ermöglichen zusätzliche Fachpersonen im Unterricht eine gezieltere Förderung und eröffnen neue pädagogische Möglichkeiten. Vorteile ergeben sich auch für die Familien. Eltern von Kindern mit Behinderungen erleben häufiger, dass sie stärker in das Leben ihres Quartiers oder ihrer Gemeinde eingebunden sind. Gleichzeitig werden andere Familien für die Vielfalt unterschiedlicher Lebensrealitäten sensibilisiert. Die positiven Auswirkungen reichen über die Schulzeit hinaus. Wer von klein auf gemeinsam lernt und aufwächst, legt die Grundlage für eine inklusivere Gesellschaft. Eine bessere schulische und soziale Teilhabe erleichtert Menschen mit Behinderungen später den Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt. Davon profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Unternehmen und die Gesellschaft als Ganzes.  

  • Ist die inklusive Schule ein neues Konzept? 

    Nein. Über die schulische Inklusion wird seit vielen Jahrzehnten diskutiert und berichtet. Die ersten Forschungsarbeiten und internationalen Veröffentlichungen stammen aus den 1970er Jahren. Italien hat beispielsweise bereits 1977 ein inklusives Schulsystem eingeführt. Die Idee einer inklusiven Schule ist also keine Modeerscheinung. Ihr Prinzip, ihre Erfolgsbedingungen und ihre Vorteile sind seit über fünfzig Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. 

  • Ist die inklusive Schule teuer? 

    Nicht zwangsläufig. Heute finanziert die Schweiz sowohl die Regelschule als auch die Sonderschule. Dieses Nebeneinander zweier Systeme ist mit hohen Kosten verbunden. Inklusion verfolgt das Ziel, vorhandene Ressourcen besser zu bündeln und eine Schule zu schaffen, die allen Kindern gerecht wird. Damit Inklusion gelingt, sind Investitionen in Personal, Aus- und Weiterbildung sowie eine passende Infrastruktur notwendig. Gleichzeitig können Ressourcen effizienter genutzt werden, wenn Unterstützung dort angeboten wird, wo die Kinder lernen und leben. Langfristig muss Inklusion deshalb nicht teurer sein. Durch eine vorausschauende Planung können beispielsweise frei werdende Räume in Regelschulen für inklusive Angebote genutzt werden, ohne dass zusätzliche Schulgebäude errichtet werden müssen. Zudem zeigen Erfahrungen aus dem Kanton Tessin, dass ein inklusives Schulsystem auch unter begrenzten finanziellen Rahmenbedingungen erfolgreich umgesetzt werden kann.

  • In welchem Umfeld können sich Kinder mit Behinderung am besten entfalten? 

    Für die meisten Kinder mit Behinderung bietet ein inklusives Umfeld die besten Voraussetzungen, um zu lernen, Freundschaften zu knüpfen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben – vorausgesetzt, sie erhalten die Unterstützung, die sie benötigen. Entscheidend ist nicht der Lernort allein, sondern dass die Rahmenbedingungen auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes abgestimmt sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine spezialisierten Angebote mehr braucht. Einige Kinder benötigen aufgrund eines hohen Unterstützungs-, Pflege- oder medizinischen Bedarfs eine besonders intensive Begleitung. In solchen Fällen kann eine Sonderschule oder ein spezialisiertes Angebot die passende Lösung sein.