Zugänglichkeit Medizin

Der Zugang zur medizinischen Versorgung ist für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung erschwert. Kommunikationsschwierigkeiten und die fehlende Anpassung der medizinischen Angebote auf Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung stellen Barrieren dar. Ausserdem fehlen den medizinischen Fachpersonen oft die Kompetenzen im Umgang mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Eine Frau mit Gummihandschuhen testet einen Fieberthermometer.
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sind anfälliger für gewisse Krankheiten.

Anrecht auf bestmögliche medizinische Versorgung

Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben grundsätzlich dieselbe Bandbreite an Erkrankungen wie die restliche Bevölkerung. Sie sind jedoch für einige Erkrankungen besonders anfällig.
Eine Behinderung ist grundsätzlich keine Krankheit. Wie alle Menschen können Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen körperlich oder psychisch erkranken. Sie haben das Recht auf ein Höchstmass an Gesundheitsversorgung ohne Diskriminierung aufgrund ihrer Behinderung.

Besonderheit bei Erkrankungen

Bestimmte Krankheiten treten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung vermehrt auf. Einerseits kann die Erkrankung in direktem Zusammenhang mit der Beeinträchtigung stehen. Personen mit Trisomie 21 haben zum Beispiel eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, mit einem Herzfehler geboren zu werden oder an Atemwegserkrankungen zu leiden. Andererseits sind Personen mit kognitiver Beeinträchtigung generell anfälliger auf bestimmte Erkrankungen wie Magen-Darm-Erkrankungen, Erkrankungen des Gehörs, der Nase und des Halses, Zahnerkrankungen oder Augeninfektionen. Auch die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken, zum Beispiel an einer Depression, ist drei- bis viermal höher als bei der restlichen Bevölkerung.

Eine Frau lässt sich den Rachen untersuchen.
Die Symptome und die Entwicklung einer Krankheit sind oft atypisch.

Die Erkrankungen sind häufig komplex und treten kombiniert auf. Die Symptome und der Verlauf einer Krankheit sind oft untypisch. Die Schmerzempfindung kann anders und die Möglichkeiten der Patient*innen, Angaben zu Ort und Art des Schmerzes zu machen, kann reduziert sein. Es besteht deshalb die Gefahr, dass Gesundheitsprobleme unbehandelt bleiben.

Kommunikation

Eine Person mit kognitiver Beeinträchtigung braucht häufig Unterstützung bei der Kommunikation. Dies gilt umso mehr während einer medizinischen Behandlung. Angehörige nehmen bei der Begleitung oft eine wichtige Rolle ein und helfen bei der gegenseitigen Verständigung. Kommunikationshilfsmittel können beispielsweise Piktogramme, Zeigetafeln oder Information in leichter Sprache sein.
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und ihre Angehörigen dürfen auf einen respektvollen Umgang pochen. Die / der Patient*in soll immer direkt angesprochen werden. Auf keinen Fall soll über die Person mit Beeinträchtigung hinweg diskutiert und entschieden werden.

Eine Frau kümmert sich um ein Kind, das auf einem Bett liegt.
Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben oft Angst, wenn sie sich in einer unbekannten medizinischen Umgebung befinden.

Urteilsfähigkeit

Ärzt*innen, Pflegende und Therapeut*innen dürfen eine medizinische Behandlung nur mit der freien Einwilligung einer Patientin oder eines Patienten durchführen, die oder der urteilsfähig und informiert ist. Deshalb muss die Urteilsfähigkeit von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Vorfeld sorgfältig abgeklärt werden. Auch Minderjährige und Erwachsene mit Beistand können in Bezug auf eine ganz konkrete Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt urteilsfähig sein.

Wenn ein Patient oder eine Patientin nicht urteilsfähig ist, so soll er oder sie bei einer anstehenden Entscheidung so weit als möglich einbezogen werden. Ist dies nicht möglich, so gilt es, sich an ihrem wohlverstandenen Interesse zu orientieren. Werden sich Fachpersonen und die Vertretungsberechtigten nicht einig, so liegt die abschliessende Entscheidung bei den Beiständ*innen.

Broschüre «So viel Schutz wie ich brauche»

Von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin

Die medizinische Versorgung von Personen mit kognitiver Beeinträchtigung ist im Kindesalter weit besser als im Erwachsenenalter. Dies liegt unter anderem daran, dass es für Kinderärzt*innen üblich ist, die Angehörigen miteinzubeziehen. Zudem brauchen Kinder immer zuerst einen emotionalen Beziehungsaufbau. Diese Kompetenzen von Kinderärzt*innen sind für die Behandlung von Personen mit kognitiver Beeinträchtigung äusserst hilfreich.
Leider ist es nicht immer einfach, eine/n kompetente Ärzt*in für Erwachsene zu finden. Es empfiehlt sich, die Suche nach geeigneten Erwachsenenmediziner*innen frühzeitig aufzugleisen und sich dafür genügend Zeit zu nehmen.

Zeit und Kosten

Für eine Behandlung müssen sich Ärzt*innen vielfach zuerst Wissen über eine spezifische Beeinträchtigung aneignen. Manchmal möchten sie auch Rücksprache mit Spezialist*innen halten. Oder geeignete Hilfsmittel müssen zuerst noch gefunden werden. Dies alles braucht Zeit und verursacht höhere Kosten. Tarifsysteme wie TARMED berücksichtigen diese Faktoren nur ungenügend, da sie fixe Behandlungszeiten vorsehen und die Zeit für individuelle Behandlungen einschränken.

Finanzierung

Bei einer als Geburtsgebrechen anerkannten Behinderung übernimmt die IV bis zum 20. Lebensjahr die Kosten aller zu deren Behandlung notwendigen medizinischen Massnahmen.
Liste der Geburtsgebrechen

Ebenfalls bis zum Alter von 20 Jahren übernimmt die IV die Kosten für medizinische Massnahmen, welche die berufliche Eingliederung erleichtern oder wesentliche Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit verhindern.

In allen anderen Fällen werden die Behandlungskosten von der Kranken- bzw. Unfallversicherung übernommen. Im Gegensatz zur IV gilt hier allerdings ein Selbstbehalt für die Versicherten. In allen anderen Fällen werden die Behandlungskosten von der Kranken- bzw. Unfallversicherung übernommen. Im Gegensatz zur IV gilt hier allerdings ein Selbstbehalt für die Versicherten.

Besuch in der Arztpraxis oder im Spital

Oft fürchten sich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung vor der unbekannten Umgebung in der Arztpraxis oder im Spital. Oder sie haben Angst vor Pflegehandlungen, weil sie diese nicht immer nachvollziehen können. Die Trennung von vertrauten Bezugspersonen kann diese Ängste verstärken. Gerade auch der Aufenthalt in einer Notaufnahme kann grossen Stress verursachen. Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung wären angepasste Aufnahme- und Behandlungsverfahren im Spital wie auch in den Arztpraxen wichtig. Gutes Beispiel dazu ist das HUG in Genf.