Pubertät

Junge Menschen mit einer geistigen Behinderung erleben dieselben körperlichen und seelischen Umbrüche wie ihre Altersgenossen ohne Behinderung. Oft fehlt ihnen jedoch die Fähigkeit, diese Veränderungen zu verstehen. Einige Vorschläge, wie die Jugendlichen in dieser Zeit begleitet und unterstützt werden können.

Auch Kinder mit einer geistigen Behinderung kommen eines Tages in die Pubertät. Wie alle andern Jugendlichen erleben auch sie grosse Veränderungen: Ihr Körper verändert sich, sie wachsen und legen an Gewicht zu, die Hormone spielen verrückt, sie erleben die ersten Zeichen der sexuellen Reife (Menstruation, Erektion, nächtliche Ejakulation, Lust und Begehren usw.). Und wie bei andern Heranwachsenden auch, bleiben diese Veränderungen nicht ohne psychische und soziale Folgen.

Die Gefühlswelt der Jugendlichen ist instabil, sie schwankt zwischen Enthusiasmus und Apathie, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Der junge Mensch rebelliert, begehrt auf usw. (Siehe: Die Pubertät – ein Umbruch auf allen Ebenen.)

Ein grosser Unterschied zu den Heranwachsenden ohne Behinderung besteht indes. Bei Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung gibt es eine Diskrepanz zwischen ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung. Ihre Fähigkeit, die körperlichen Veränderungen zu verstehen und zu akzeptieren, kann vermindert sein.

Hinzu kommt eine soziale Barriere: Jugendliche mit einer Behinderung haben oft kaum Zugang zu Informationen und weniger Möglichkeiten, sich unbeaufsichtigt von Erwachsenen mit ihrer Peer-Group (Gleichaltrigen) auszutauschen und erste Erfahrungen zu machen.

Um zu verhindern, dass die Pubertät zum Alptraum wird oder zu einer schlimmen Krise – der Jugendliche kann Gefühle der Scham und Angst entwickeln, die Jugendliche könnte ihren Körper ablehnen – empfehlen Sexualpädagogen, den Sohn oder die Tochter nicht nur auf die Pubertät vorzubereiten, sondern auch, diesen für die Jugendlichen so wichtigen Lebensabschnitt aufzuwerten.

Dazu ein paar Hinweise:

Über die körperlichen Veränderungen sprechen
Mädchen müssen auf ihre erste Menstruation vorbereitet sein, da sie sonst denken könnten, es handle sich um eine Krankheit. Oder sie ekeln sich vor dem Blut, was zu einer Abscheu vor dem Genitalbereich oder der Sexualität führen kann. Knaben müssen wissen, was eine Ejakulation ist, das erspart ihnen Gefühle von Peinlichkeit und Scham (besonders nach den ersten nächtlichen Ejakulationen).

Über Selbstbefriedigung sprechen
Wie ihre nicht behinderten Altersgenossen beginnen auch Jugendliche mit geistiger Behinderung in der Pubertät zu onanieren. Sie achten jedoch oft nicht darauf, wo sie es tun. Ohne die Selbstbefriedigung an sich zu verteufeln, soll dem oder der Jugendlichen erklärt werden, dass dies normal und erlaubt ist, jedoch nur gemacht werden darf, wenn man allein in seinem Zimmer ist.

Auf Rituale zurückgreifen
Eine Art, die körperlichen Veränderungen aufzuwerten, sind Rituale. So könnte beispielsweise die erste Menstruation mit einem kleinen Fest gefeiert, oder Knaben und Mädchen könnte beim Erreichen des 16. Altersjahres ein „Zertifikat der sexuellen Mündigkeit“ mit Foto ausgestellt werden. Ein Besuch bei der Frauenärztin gibt dem jungen Mädchen Gelegenheit, Fragen zu stellen, und vielleicht das Gefühl, eine wichtige Hürde genommen zu haben auf dem Weg zum Erwachsenwerden (wie andere junge Frauen in diesem Alter).

Über Distanz (und Distanzlosigkeit) sprechen
Die Pubertät hat nicht nur körperliche Veränderungen zur Folge, sondern auch soziale Konsequenzen: Sie markiert den Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Erwachsen werden heisst auch, ein neues, erwachsenes Verhalten anzunehmen. Die Jugendlichen müssen lernen, dass eine gewisse körperliche Distanz eingehalten werden muss (man wirft sich nicht jedem an den Hals), Schamgefühl und Zurückhaltung müssen entwickelt werden (man zeigt sich nicht mehr nackt, man schränkt Körperkontakte ein). Damit Heranwachsende mit einer geistigen Behinderung die „neue Distanz“ nicht als Ablehnung ihrer Person auffassen, ist es wichtig, dass die Eltern erklären, warum dies so ist und dem Jugendlichen das Gefühl geben, wichtig zu sein. Auch hier könnten Rituale hilfreich sein.

Loslassen lernen
Bei Jugendlichen mit einer Behinderung ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen oft weniger deutlich. Die meisten Menschen mit geistiger Behinderung erreichen die soziale Reife nicht oder nur teilweise. Trotzdem: Eltern von behinderten Kindern müssen den Mut haben, diese loszulassen. Es ist wichtig, den Sohn oder die Tochter zur Selbständigkeit zu ermutigen, ohne sie jedoch fallen zu lassen. Denn wie jeder Heranwachsende braucht auch der Teen mit einer Behinderung emotionale Sicherheit.

Zum Lesen

Die Pubertät: Ein Umbruch auf allen Ebenen

Erwachsenwerden mit Behinderung – Brüche und Bezüge

Catherine-Agathe Diserens und Michel Mercier.

Mein Kind kommt in die Pubertät

insieme-Magazin, 4-2009.

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