Mitbestimmung und Selbstvertretung

Alle Menschen wollen Entscheidungen treffen können. Das gilt auch für Menschen mit einer leichten oder starken Beeinträchtigung, die dafür auf spezielle Unterstützung angewiesen sind. Mitbestimmung muss aber erlernt werden. Um eine Entscheidung treffen zu können, ist es wichtig, die verschiedenen Möglichkeiten zu kennen. Dafür sind verständliche Informationen notwendig.

Eine Gruppe von Männern und Frauen vor dem Bundeshaus in Bern.
An der Wahlhilfe-Broschüre haben Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung mitgearbeitet.

Mitbestimmung und Selbstvertretung ist lernbar

In der Schweiz sind die Grundbedürfnisse der Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen gesichert. Wie alle Menschen haben sie darüberhinausgehende Bedürfnisse, Wünsche und Lebensziele. Um diese formulieren, umsetzen und erreichen zu können, bedarf es eines Lernprozesses. Und sie brauchen Begleitung und Unterstützung, oftmals ihr Leben lang.

Für alle Menschen ist es wichtig, dass ihre Grundbedürfnisse wie Essen, Unterkunft, Kleidung abgedeckt sind. Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung sind diese und auch weitere Bedürfnisse wie Beschäftigung, Betreuung und Pflege in der Schweiz zum Glück meistens gesichert. Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung wollen aber auch mitbestimmen und wählen können, wie diese Bedürfnisse erfüllt werden. Sie wollen mitbestimmen, was sie arbeiten, ob sie alleine, mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner oder in einer Wohngemeinschaft wohnen. Sie haben Ideen, Vorstellungen und Lebensträume, die sie umsetzen und erreichen wollen. Für viele ist Mitbestimmung nicht selbstverständlich.

Selbstvertreter*innen setzen sich für ihre und die Anliegen anderer Menschen mit einer Beeinträchtigung ein.

Vier junge Leute sitzen vor einem Schaufenster eines Kleidergeschäfts.
Selbst bestimmen, was man anzieht, mit wem man wohnt und wie man seine Freizeit verbringt.

Selbstbestimmung ist nicht selbstverständlich

Aufgrund der kognitiven Beeinträchtigung kann es für Menschen mit geistiger Behinderung schwierig oder gar unmöglich sein, komplexe Zusammenhänge zu begreifen und zu lernen. Das erschwert Entscheide. Zudem sind sie aber auch häufig damit konfrontiert, dass ihnen das Umfeld gar nicht zutraut, selbst (richtig) zu entscheiden. Sie machen die Erfahrung, dass oft über sie bestimmt wird, ohne dass sie gefragt werden. Wichtig ist deshalb, dass sie die nötige Unterstützung und Ermutigung erhalten, um verstärkt selber zu bestimmen.

Ermutigung und Unterstützung sind Voraussetzung

Es gibt viele Ansätze und Möglichkeiten, die Selbstbestimmung zu fördern und zu stärken:

  • Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind soweit wie möglich in Entscheidungen, die sie betreffen, einzubeziehen. Das beginnt bei den alltäglichen Entscheidungen wie der Wahl der Kleidung am Morgen.
  • Bei Entscheidungsprozessen erhalten sie Unterstützung (Assistenz, Erklärungen, genügend Zeit und Vorbereitungsmöglichkeiten). Mit leichter Sprache und Piktogrammen werden Informationen zugänglich gemacht.
Ein Mann und ein Knabe blicken einem Mann mit Dächlikappe über die Schulter.
Das Umfeld kann Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung ermutigen.
  • Auch bei Menschen mit starken Beeinträchtigungen wird Selbstbestimmung respektiert. Das erfordert entsprechende Hilfsmittel wie unterstützte Kommunikation.
  • Das Umfeld ermutigt Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und vermittelt ihnen das Bewusstsein, dass ihre Stimme gehört und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Eltern und Familie können dabei eine wichtige Rolle spielen. Das betrifft auch Betreuende und Begleitende in Institutionen, die die Selbst- und Mitbestimmung der Bewohnenden fördern.
  • Die Mitwirkungsmöglichkeiten von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung werden in Organisationen und Strukturen etabliert, indem sie Einsitz nehmen in Beiräten für Institutionen und Gremien.
Selbstvertreter*innen – nichts über uns ohne uns

Immer häufiger treten Personen mit einer kognitiven Beeinträchtigung als Selbstvertreter*innen auf. Diese setzen sich für ihre und die Anliegen anderer Menschen mit einer Beeinträchtigung ein. Die Person weiss aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, welche Hürden und Herausforderungen sich stellen.