Institutionelles Versagen bei sexuellem Missbrauch

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Ein Betreuer einer Institution im Kanton Zürich hat einen jungen Mann mit schwerer Behinderung sexuell missbraucht. Ein externer Untersuchungsbericht wirft dem Taubblindenheim Tanne in Langnau (ZH) nun institutionelles Versagen vor. Der Fall macht deutlich, wie wichtig Prävention und die Möglichkeit, sich an Beratungs- und Beschwerdestellen zu wenden, sind.

Zwei Professorinnen der Hochschule Luzern gingen im Auftrag des kantonalen Sozialamts Zürich der Frage nach, wieso dieser Missbrauch in der Institution passieren konnte. Die Neue Züricher Zeitung (NZZ) erhielt Einsicht in den Untersuchungsbericht und veröffentlichte die Erkenntnisse daraus. Anzeichen von Grenzüberschreitungen durch den Pfleger habe es gegeben, doch sie seien ignoriert worden. Laut Untersuchungsbericht hat der Betreuer das klassische Muster von Sexualstraftätern gezeigt. Bevor er übergriffig wurde, erschlich er sich das Vertrauen des Opfers, der Angehörigen und der Arbeitskolleginnen und -kollegen. insieme hat im März 2023 in einer News über den Fall berichtet.

Schatten an einer grauen Wand

In Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen besteht ein erhöhtes Missbrauchsrisiko. © Bernard Hermant

 

Das kantonale Sozialamt Zürich forderte die Institution nun auf, die Empfehlungen des Untersuchungsberichts umzusetzen, und stellte fest, dass diese eine externe Beratungsstelle beigezogen sowie Schulungen und Regelungen ausgebaut habe. Zudem habe sie ein Projekt im Bereich Prävention von Übergriffen aufgegleist.

Prävention sowie Beschwerde- und Beratungsstellen

In Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen besteht ein erhöhtes Missbrauchsrisiko. Das Leben in einer Einrichtung kann das Selbstbestimmungsrecht einer Person stark einschränken, da sie nicht frei entscheiden kann, mit wem sie in ihrer Wohngruppe leben möchte, wer sie unterstützt oder wie sie ihren Alltag gestaltet. Der Druck, der auf dem Betreuungspersonal lastet, häufige Wechsel oder Personalmangel sind weitere Risikofaktoren.

Wenn es jedoch darum geht herauszufinden, wie viele Menschen mit Behinderung in der Schweiz Opfer von Gewalt werden, ist es unmöglich, verlässliche Daten zu erhalten. insieme setzt sich in Zusammenarbeit mit anderen Behindertenorganisationen dafür ein, dass die Situation in unserem Land aufgeklärt wird und dass die Opfer von Gewalt ihre Situation anerkannt bekommen. Derzeit werden bei der Politik zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt Menschen mit Behinderungen noch viel zu wenig berücksichtigt. Dadurch bleibt ihnen der Zugang zu Angeboten erschwert oder gar verwehrt, die sie dringend benötigen. Dies gilt insbesondere für Menschen mit geistiger Behinderung. Diese sind manchmal nicht in der Lage, einzuschätzen und zu verstehen, dass sie Opfer einer Gewalttat geworden sind und sich entsprechend zu äussern. Umso wichtiger sind Prävention und die Möglichkeit, sich an Beratungs- und Beschwerdestellen innerhalb oder ausserhalb von Institutionen zu wenden.

 

Prävention und Grenzverletzungen auf insieme.ch 

Zürichsee-Zeitung 12.10.23